Im Offiziellen Wettbewerb um den namhaften Max-Ophüls-Preis lief in diesem Jahr unter anderem "Endlich jetzt". Wir wiederum sahen den Episodenfilm er auf dem Filmfestival "Werkstatt der Jungen Filmszene" in Wiesbaden und haben den Macher dieser "Komitragödie" direkt nach der Aufführung angesprochen: Hier sind unsere Frage und Einblicke in die Arbeit und Gedankenwelt des Autodidakten und Filmfreaks Jasper Beutin.
Kurzer Steckbrief
Name: Jasper Beutin
Geburtsdatum: 13.03.1984
Wohnhaft: Berlin
Kontakt: E-Mail
Filmografie:
"Wir haben Angst" (2005)
"Auf jeden Fall" (2006)
"Aber geliebt" (2007)
"Endlich jetzt" (2009)
- INTERVIEW -
D-Movie: Dein Film "Endlich jetzt" war ursprünglich als Langfilm im Gespräch - wie kam es zu dieser Option?
Beutin: Nach ein paar kurzen Kurzfilmen, die ich geschrieben und inszeniert hatte, wollte ich mit dem nächsten Projekt einen Schritt vorankommen, also etwas Längeres umsetzen. Beim Schreiben bin ich so vorgegangen: Erst die Figuren entwickeln, ihre Beziehungen zueinander, ihre Lebenssituation, ihre Sprache. Wer interessiert mich, wen möchte ich näher kennenlernen, wen kann ich dem Zuschauer glaubwürdig nahebringen? Daraus hat sich dann im erst im zweiten Schritt die Handlung entwickelt, nämlich in Form all der alltäglichen Dinge, die diese Menschen erleben und tun. Ein halbstündiger Episodenfilm entstand, der vor allem von seinen Figuren lebt. Da sagten meine beiden Produzenten, die ich schon lange kenne und deren Urteil ich vertraue, diese Figuren eigneten sich für einen Langfilm, wir könnten das 30minütige Drehbuch ausdehnen auf 90 Minuten. Das haben wir dann gründlich überlegt. Letztlich ist das nicht passiert, weil ich mich nicht übernehmen und etwas versuchen wollte, woran ich handwerklich nur hätte scheitern können. Meine vorigen Filme hatten immer zwei Drehtage gehabt, und dann gleich auf einen vollen Monat Drehzeit zu springen wäre nicht gut gewesen. Lieber eine halbe Stunde Film gut umsetzen als anderthalb Stunden mittelmäßig, darauf haben wir uns alle dann geeinigt. So blieb „Endlich Jetzt“ ein mittellanger Film (in 8 Drehtagen gedreht).
D-Movie: Der Film lebt nicht zuletzt von seinen starken Dialogen - das Drehbuch zu "Endlich jetzt" ist bestimmt nicht dein Erstes. Wann hast du mit dem Schreiben angefangen?
Meine ersten kleinen Geschichten habe ich meiner großen Schwester diktiert, als ich noch nicht schreiben konnte, so mit fünf Jahren. Als Jugendlicher schrieb ich viel Lyrik und kurze satirische Sachen, die ich auf Poetry Slams vortrug. Drehbücher schreibe ich seit ich 20 bin und das Filmen ernsthaft verfolge. Das Drehbuch ist ja der erste und definitiv wichtigste Schritt zu einem Film. Beim Schreiben werden die größten und grundlegendsten Entscheidungen getroffen; danach werden die Entscheidungen immer filigraner und kleiner. Regie führe ich aber ebenso gern; nur schreiben wäre zu einsam.
Ich liebe tatsächlich Dialoge. Aber nicht nur dramatische Gefühlsausbrüche sind spannend, man muss sich auch mal anhören, wie wir im trockenen Alltag versuchen, unsere Gefühle in ganz banalen Gesprächen zu verbergen, und sie dadurch indirekt doch ausdrücken. In Sätzen wie „Du kannst ja noch mal den Müll raus bringen“. Dies zu entwickeln, und dann einem guten Schauspieler zuzusehen, wie er die betreffenden Gefühle in solchen Alltagssituationen subtil rüberbringt, - das macht mich sehr glücklich. Je nach Lebensphase begleiten einen ja verschiedene Bücher, Filme und Musik. Ich verehre auch die großen Tragiker, Kleist oder Shakespeare, aber ich bin im Innersten doch den Humoristen näher. Leute, die es lustig finden, dass man auch zwei Tage vorm Weltuntergang noch auf frische Unterwäsche Wert legen würde. Wilhelm Busch, Georg Kreisler, Woody Allen, Samuel Beckett, Thomas Bernhard. Leute mit großer Ironie, die in den traurigsten Geschichten noch Lustiges sehen und umgekehrt. Das sind meine Helden.
D-Movie: Liefen die Dreharbeiten zu deinem Debüt in der Kategorie "Mittellanger Film" ganz nach deinen Vorstellungen ab, oder gab's Momente, in denen du das gute Gelingen angezweifelt hast?
Man zahlt für die geliehene Technik (Kamera, Licht, Ton) ja pro Tag, und unser Budget war eng bemessen. So musste unser tägliches Drehpensum recht hoch sein: Bis zu vier Film-Minuten am Tag mussten abgedreht werden, der Standardwert in Film und Fernsehen wäre maximal drei Minuten. Dazu kamen viele Umzüge, also Drehort-Wechsel, die viel Zeit kosten. Insofern wussten alle, dass der Dreh recht anstrengend wird. Aber die Vorbereitung ist das Wichtigste, damit es beim Dreh läuft, und wir waren zum Glück gut vorbereitet: Die Kamerafrau Sandra Merseburger und ich hatten unsere gemeinsamen Hausaufgaben gemacht, die Schauspieler wussten in welche Richtung es gehen sollte, mit einigen hatte ich geprobt. Wenn man nur noch 5 Stunden am Tag schläft und 16 Stunden arbeitet, muss man sich einfach sicher und gut vorbereitet fühlen. Da ist auch ein Team, das zusammenhält, sehr wichtig. Das hat alles gestimmt.
Als dann mal die Lampen plötzlich ausfielen und wir drei Stunden lang nicht drehen konnten, konnte man damit lockerer umgehen, - so ein Dreh bleibt halt auch ein Abenteuer, und das ist gut so. Vor allem den hervorragenden Schauspielern ist es zu verdanken, dass ich nie daran gezweifelt habe, dass das Ergebnis meinen Erwartungen entsprechen würde. Wegen ihnen bin ich nach jedem Drehtag mit einem guten Gefühl ins Bett gefallen. Zum Beispiel war ich so begeistert von Gisela Trowe, die die alte Dame im Rollstuhl spielt. Sie hat 65 Jahre lang Filme gedreht, und natürlich habe ich von ihr sehr, sehr viel lernen können. Dieses Jahr ist sie nun gestorben.
D-Movie: Traust du dir jetzt, mit mehr Erfahrungswerten, schon eher einen Langfilm zu?
Beutin: Ja, nach „Endlich Jetzt“ traue ich mir wohl einen Langfilm zu. Es geht darum, einen Spannungsbogen über 90 Minuten aufzubauen und souverän zu führen, ohne dass Längen, dramaturgische Löcher, Ungereimtheiten im Erzähltempo entstehen. Das Tempo wird ja nicht erst im Schnitt geschaffen, sondern muss schon vorher bei der Inszenierung klar sein, muss von den Schauspielern getragen werden. Aber wann ich das in Angriff nehme, und ob ich alleine oder mit einem Co-Autoren schreibe, das habe ich jetzt noch nicht entschieden.
Vielleicht wird es wieder ein Episodenfilm: Wenn es nicht den einen Helden gibt, sondern viele gleichwertige Hauptpersonen, deren Schicksale sich verschachteln, entsteht oft ein vielschichtiger Blick auf die Welt, in der diese Figuren leben. „La dolce vita“ von Fellini, „Lichter“ von Hans Christian Schmid, „Happiness“ von Todd Solondz sind große Beispiele. In diesen Filmen verklärt sich die Sicht auf die Dinge manchmal auch zu einer melancholischen Entrücktheit, die ich sehr schön finde: Man guckt mal auf dies Schicksal, mal auf jenes, und bekommt einen Blick fürs Ganze. So, wie wenn man von einem Hochhaus von hoch oben gelassen hinunter blickt auf das geschäftige Treiben in den Straßen.
D-Movie: Ein Hauptaugenmerkt in "Endlich jetzt" sind die bizarren Situationen, bei denen man sich ziemlich unwohl fühlen kann - oder einfach lachen muss, weil's so abstrus ist. Sind da eigene Erfahrungen im Spiel, oder wie kommst du auf solche Situationen wie das Mädel im Gespräch mit dem Versicherungsvertreter oder das knallharte Ende des Films?
Beutin: Unterhaltung ist immer das Hauptziel. Ich will bewegen und unterhalten. Natürlich gibt es verschiedenste Arten der Unterhaltung: Ich persönlich mag Regisseure, die eine individuelle Handschrift entwickeln und Geschichten auf ihre persönliche Art erzählen. Darin müssen sie nichts Privates preisgeben, aber sie müssen von den geschilderten Gefühlen und Situationen etwas verstehen. Sie können auch politisch Stellungen beziehen, wenn sie wollen. Ich mag Filme, die die Weltsicht ihrer Regisseure offenbaren. In „Endlich Jetzt“ passieren skurrile Dinge, die ich nicht selbst erlebt habe. Das knallharte Ende habe ich zum Glück nicht selbst erlebt! Ein paar dieser Dinge habe ich mal irgendwo aufgeschnappt, andere habe ich mir ausgedacht. Aber entscheidend ist, dass ich die Gefühlslagen der Figuren verstehe: Entweder weil ich diese Zustände und Lebenssituationen selbst erlebt habe oder weil ich andere Leute gut kenne, die sie erlebt haben.
Ich habe Spaß am Erzählen, und der Spaß soll sich aufs Publikum übertragen. Das schönste Geschenk ist es, wenn nach einem Screening spontan einige Zuschauer zu mir kommen und sagen, dass sie Spaß hatten, weil sie den Figuren nahe gekommen sind. Dann weiß ich, im Publikum passierten nicht nur Lacher wegen schnell vergessener Gags, die nicht nachwirken, sondern ein paar Leute haben eine intensive Erinnerung mitgenommen.
D-Movie: Hast du dich einem Genre verschrieben, oder streckst du deine Fühler in alle Richtungen aus? Gibt's Genres, die dich nicht interessieren?
Beutin: Es gibt in absolut JEDEM Genre hervorragende Filme. „Terminator 2“ zum Beispiel ist ein begnadeter Actionfilm. Ich bin ja noch ein ziemlicher Anfänger und weiß nicht, mit welchen Genres ich mich zukünftig noch beschäftigen werde. „Endlich Jetzt“ bezeichne ich als Komitragödie. Aber warum nicht mal einen Thriller machen? Auch finde ich die Unterscheidung zwischen Kunst und Unterhaltung, Mainstream und Alternative ziemlich überflüssig. Es gibt viele massentaugliche Meisterwerke, ebenso wie es Meisterwerke für kleinere Zuschauergruppen gibt. Und es gibt dämliche Kunstfilme ebenso wie dämliche Blockbuster. Schön ist es immer, wenn ein Erzähler keine Klischees verwendet, zum Beispiel für eine Liebesszene. Überall kopierte Standarddialoge und –bilder stumpfen einfach ab. Aber wenn der Erzähler bei Null anfängt und sich gründlich überlegt, wie eine Liebesszene wirklich glaubwürdig abläuft, wird sie erst wahrhaftig und ehrlich. Da kann sie auch ruhig komisch verzerrt oder anderweitig überhöht sein, solang sie nicht einem Klischee folgt und damit unbeseelt bleibt.
Es gibt unzählige Vorbilder, Regisseure, die sich auf solche Weise alles ganz genau überlegen. Manche sind bildgestalterisch visionär, andere leisten eher als Schauspielführer ganz Großes, manche können einfach alles, so wie Kubrick. Jedenfalls ist Filmegucken das allerwichtigste, wenn man das Handwerk selbst erlernen will. So fängt ja wohl auch jeder an - als Filmfreak!
(das Interview wurde geführt von David J. Lensing, Juni 2010)
