<< Daniel P. Schenk
Ben Shelton >>
Die Szene

Schon ein Weilchen her: Im Februar 2009 nahm Amateurfilmer David J. Lensing beim 24-Stunden-Filmfestival "Manifest" in Wuppertal. Dort galt es, binnen eines Tages einen Film zu drehen - zusammen mit einem anderen Teilnehmer, dem man per Losverfahren zugeteilt wurde - und bei Dave war's der Wuppertaler Marc Schießer, seinerseits schwer aktiv in der Amateurfilm-Szene. Beim Festival vergingen keine drei Minuten zwischen einander vorstellen und dem Brainstorming: "Okay, was drehen wir?" - da blieb wenig Zeit für Fragen. Das haben wir jetzt nachgeholt und präsentieren euch hier ein Interview mit Hobby-Regisseur und Fincher-Fan Marc Schießer.

Kurzer Steckbrief

Name: Marc Schießer
Alter: 24 Jahre
Wohnhaft: Wuppertal
Website: Vimeo-Channel

- INTERVIEW -

D-Movie: Du warst 2005 mit dem Kurzfilm "Mit weit aufgerissenen Augen" beim Deutschen Jugendvideopreis nominiert und hast damit den zweiten Platz belegt - um was für einen Film handelte es sich dabei?

Schießer: Das war so ein kurzer Horrorfilmversuch der - mal wieder - in 24 Stunden entstanden ist. Anlass war eine Aufgabe im Fach Literatur und da uns vorausschauenderweise ein Tag vor der Abgabe klar wurde, dass unser ursprünglich geplanter 40-Minüter wohl unmöglich fertig zu stellen war, mussten wir dann in kürzester Zeit diesen Film aus dem Boden stampfen. Das Drehbuch dazu hatte ich n paar Monate davor zum Spaß geschrieben, eigentlich ohne die Intention, es wirklich zu verfilmen. Dass ausgerechnet dieser Schnellschuss dann den 2. Platz beim deutschen BundesjugenvideoFestival gewonnen hat (hauptsächlich wegen seiner etwas komplexeren Montage), war natürlich ne ziemliche Überraschung. Am Festival konnte ich leider gar nicht teilnehmen, weil ich ausgerechnet an dem Wochenende Abivergabe hatte. Die Veranstalter haben mir dann telefonisch nahegelegt, doch zumindest zur Preisverleihung zu kommen, da war dann klar: Das wird sich irgendwie lohnen. Ich war dann wirklich nur für die eine Stunde der Preisverleihung auf dem Festival, um danach direkt zum Abiball zu düsen.

D-Movie: Jetzt bist du wieder nominiert - und zwar mit deinem Film "Aussetzer". Worum geht es in diesem Film? Und wie verliefen die Dreharbeiten?

Schießer: Grob gesagt geht es um einen Typ, der mit dickem Kopf in seiner Bude aufwacht und keine Ahnung mehr hat, was er letzte Nacht alles so angestellt hat. Tja, und damit wird er dann konfrontiert. Ich fand das Phänomen „Filmriss“ irgendwie immer ziemlich interessant (wenn man es nicht grad selber hat) und fand, dass es spannende dramaturgische Möglichkeiten bot, die ich allerdings nach meinem jetzigen Gefühl leider nicht ganz ausgeschöpft habe. Heute hätte ich gerne mehr auf die Kacke gehauen, anstatt die Geschichte eher in einem realistischeren Rahmen zu halten. Aber so ist das halt beim Filmemachen, im Nachhinein hätte man immer alles anders und vermutlich besser gemacht, das ist wohl Teil eines Entwicklungsprozesses, nehme ich an. In meinen älteren Kurzfilmen sehe ich beinahe nur noch Fehler und verpasste Chancen, aber das ist etwas, was ich auch von vielen anderen Filmemachern kenne. Neben dem Inhalt war die formale Seite des Films mindestens genauso wichtig. Ich wollte viele Dinge ausprobieren, von gleitenden Kamerafahrten, Lichtexperimenten mit Nebelmaschine bis zum Ineinander-Schneiden von Dialogszenen mehrerer Zeitebenen. Den Film haben wir Ende 2008 in meiner damaligen Wohnung gedreht (aufgeteilt auf fünf Tage) und danach circa zweieinhalb Monate mit der Postproduktion zugebracht (allerdings nicht durchgehend). Es war auch das erste Mal, dass ich die Kamera nicht mehr selbst geführt habe, sondern mich am Set nur auf die Regie konzentriert habe und das erste Mal das die Besetzung nicht ausschließlich aus meinem Freundeskreis bestand, sondern auch aus ambitionierten Hobby-Schauspielern. Und auch wenn ich mit dem Film nicht mehr voll zufrieden bin, war es eine sehr gute und wichtige Erfahrung.

D-Movie: Was reizt dich eigentlich am Filmemachen - wie kamst du dazu und warum bist du drangeblieben?

Schießer: Als kleiner Junge und begeisterter Filmegucker fand ich die Vorstellung des Entstehungsprozesses eines Films einfach unglaublich spannend und reizvoll. Zuerst habe ich wie die meisten Kinder nur die Geschichte verfolgt und wahrgenommen, aber als ich mit elf den Film "The Game" gesehen habe, wurde mir zum ersten Mal bewusst was für Mittel dort eingesetzt wurden und was es für eine Arbeit sein muss, das alles zu koordinieren. Von da an war der Beruf des Regisseurs natürlich sofort die attraktivste Form, Geld zu verdienen, die ich mir vorstellen konnte. Bei ersten eigenen Experimenten mit einer uralten Hi8 Kamera und ein paar Freunden war auch schnell klar, dass das genau mein Ding war.
Für mich ist Film einfach die aufregendste und reichhaltigste Kunstform überhaupt. Das Geschichten-Erzählen aus der Literatur, die Wirkung von Musik, das Komponieren von Bildern wie in der Malerei oder Fotografie, das Arbeiten mit Schauspielern wie beim Theater. Dazu dem Film eigene Dinge wie die Bewegung der Kamera und natürlich der Schnitt. Aus all diesen Komponenten können so unendlich viele verschiedene Arten von Filmen entstehen, die dazu in der Lage sind, Menschen zu bewegen, zu faszinieren oder einfach nur zu unterhalten. Filmemachen fordert den Verstand auf so vielen Ebenen gleichzeitig, ist so unendlich reich an Möglichkeiten und Herausforderungen und kann gleichzeitig schmerzhaft ehrlich und unendlich manipulativ sein.

D-Movie: Wie organisiert du dein Equipment? Wer bietet den technischen Rahmen für ein in dieser Hinsicht recht aufwändiges Hobby?

Schießer: Was das angeht hab ich wohl einfach Glück, Wuppertaler zu sein. Wir haben hier das größte und erfolgreichste Medienprojekt bundesweit und die fördern junge Filmemacher, wo sie nur können, zum Beispiel durch das kostenfreie Verleihen von hochwertigen Equipment. Das war sicherlich enorm wichtig für mich, schon so früh Zugang zu vernünftigen Kameras und Schnittplätzen zu bekommen und glücklicherweise sind die technischen Möglichkeiten des Medienprojekts parallel zu meinen filmischen Fähigkeiten mitgewachsen. Außerdem ist es ein super Netzwerk von Gleichgesinnten indem ich schon viele kreative Partner und Freunde gefunden habe.

D-Movie: Du bist ja bekanntlich ein Filmkenner, der kein Genre außen vorlässt, wenn's um kulturelle Fortbildung geht Wer sind deine Vorbilder?

Schießer: Oh Gott, ich sehe so viele Filme und seit ich nebenbei im Programmkino arbeite, sind es noch mehr geworden. Die Liste meiner Helden wird also dementsprechend Tag für Tag länger. Natürlich immer nur die besten, größten, obsessivsten, also Scorsese, Mann, Lynch, Kubrick, P.T. Anderson, Wong Kar-Wai, Arronofsky, Kim Je-Woon, die Coens usw..... Park Chan-Wook möchte ich gern gesondert hervorheben. Der hat eine so einzigartige Art Geschichten zu erzählen, einen umwerfenden Stilwillen und ein absolut eigenes Weltbild. Der wichtigste Einfluss ist aber eindeutig David Fincher. Einerseits weil er ausschließlich exzellente Filme macht und ich seine ästhetischen Fähigkeiten derart einzigartig perfekt finde, dass ich jeden Frame. den er gedreht hat, sofort ins „Museum for Modern Arts“ hängen würde. Andererseits weil ich seine illusionslose, realistische Herangehensweise ans Filmemachen, die dennoch nach der absoluten Perfektion strebt, sehr schätze. Als Vorbild taugt er außerdem hervorragend, weil er kein vergeistigter Filmhochschulabgänger ist, sondern sich jeden Aspekt des Films beim jahrelangen Dreh von Musikvideos und Werbespots selbst beigebracht hat. Was das Auslassen von Genres angeht, muss ich übrigens zugeben, dass ich jeder Art von Bollywood leider bis jetzt ausnahmslos nichts abgewinnen konnte...

D-Movie: Wo soll das Ganze mal hinführen? Willst du dein Hobby zum Beruf machen?

Schießer: Ich bin leider in der unglücklichen Position, dass ich mir nicht wirklich etwas anderes als Filmemacher für meine Zukunft vorstellen kann. So zielstrebig zu sein ist auf der einen Seite toll, auf der anderen macht man sich spätestens nach der zweiten Filmhoschulablehnung Gedanken, wie es weitergehen soll. In nächster Zeit würde ich gern erst mal noch mehr Musikvideos drehen, mich damit technisch ausprobieren und etwas Geld verdienen, nebenbei weiter an Drehbüchern arbeiten. Mein eigener nächster Kurzfilm steht natürlich auch schon in den Startlöchern. Sollte das alles, wider der Hoffnung, nicht zu einer Möglichkeit führen, als Regisseur arbeiten zu können, würde ich doch zumindest gern als freier Cutter für Imagefilmproduktionsfirmen oder ähnliches arbeiten, bevor ich Bäcker werden muss.

(das Interview wurde geführt von David J. Lensing, Mai 2010)

FARD - DER JUNGE OHNE HERZ



AUSSETZER (KURZFILM)

AusSetzer - Kurzfilm from Marc Schießer on Vimeo.