Im September 2008 hat die Rheinische Post über einen 21-Jährigen aus Wesel berichtet, der den Sprung an die Filmhochschule in Warschau geschafft hat (siehe: hier). Grund genug für uns, zu dem jungen Filmemacher mal Kontakt aufzunehmen - schließlich liegt Wesel nur gemütliche 30 Autominuten von Bocholt entfernt, womit Mateusz Madry sozusagen "aus unserer Gegend" kommt. Inzwischen hat er seinen Zweitwohnsitz zwar in Polen, doch das hindert uns ja nicht daran, den leidenschaftlichen Cineasten ein bisschen mit Fragen zu löchern.
Kurzer Steckbrief
Name: Mateusz Madry
Geboren: Am 21. April 1987 in Bonn
Wohnhaft: Wesel/Warschau
Sprachen: Deutsch, Polnisch, Englisch, Französisch
Website: www.madry-films.com
- INTERVIEW -
D-Movie: Wie hast Du das Filmemachen für Dich entdeckt?
Madry: Angefangen hat das ganze als ich 14 war und meine Eltern zu Weihnachten einen Sony Camcorder gekauft haben. Sofort wurde alles mögliche gefilmt. Die ganze Familie musste herhalten für die anfangs kindischen und verrückten Filmchen. Als dann jedoch "Star Wars Episode I" in die Kinos kam (der erste Star-Wars-Film, den ich gesehen habe) hat mich dieser Film in seinen Bann gerissen. Sofort wurde die alte Trilogie von mir verschlungen und es formte sich so langsam in meinem Kopf eine Idee - oder wohl noch eher Vision ;-) - von einem eigenen Star-Wars-Film. Dieser wurde anfangs noch mit dem alten Sony Camcorder gedreht, welcher auf 8mm HS Kassetten aufnahm. Im Laufe der Dreharbeiten wechselten wir um auf die MiniDV Technologie. Den Wechsel sieht man dem Film in einigen Szenen an, die qualitativ halt etwas hochwertiger sind. Als Crew musste wieder die Familie und der ganze Freundeskreis herhalten. Dass der Film besonders bei Star-Wars-Fans gut ankam (sogar deutschlandweit) und wir jede Menge Spaß beim Dreh hatten, motivierte mich, weiter Filme zu machen.
D-Movie: Wie kamst Du aus Wesel auf die Idee, ausgerechnet in Warschau auf die Filmschule zu gehen?
Madry: Der Weg, überhaupt auf eine Filmschule zu gelangen, war nicht sehr einfach. Ganze 3 Jahre hat es gedauert, bevor ich das erste Mal zu einem Gespräch eingeladen wurde (an Filmschulen besteht eine Bewerbung meist aus mehreren Etappen). Und das war eben an der Filmschule in Warschau. Nachdem das Bewerbungsgespräch total in die Hose ging und mein Präsentationsfilm "Complicated" nicht sonderlich gut ankam, hätte ich niemals gedacht angenommen zu werden. Ich wurde eines Besseren belehrt. Ich kann nicht genau sagen warum ich genommen wurde, bin aber sehr glücklich darüber, dort gelandet zu sein. Ich habe mich im Laufe der drei Jahre an verschiedenen Schulen in Deutschland und England beworben. Das hat alles nicht geklappt. Mein erster Versuch an einer polnischen Schule, war jedoch ein Erfolg.
D-Movie: Wie schaut so ein Filmschul-Alltag aus? Trockene Theorie oder Praxis pur?
Madry: Die Warschauer FIlmschule ist eine sehr praxisorientierte Filmschule. Ein bisschen zu sehr praxisorientiert für meinen Geschmack. Mir wär ein wenig mehr Theorie lieber. Aber vielleicht liegt das auch daran, dass ich schon vor der Schule sehr viel selber gedreht habe. Wir haben auf der Schule zum Beispiel Fächer wie Drehbuch schreiben, Kameraführung, Schnitt mit AVID oder auch etwas trockenere Sachen, wie Polnische Filmgeschichte oder Filmrecht. Ich finde alle Fächer ziemlich interessant. Das besondere an unserer Schule ist, dass wir sehr wenige Prüfungen haben. Jetzt im ersten Jahr hatten wir nur eine schriftliche Prüfung. Als restliche Prüfungsnoten zählen die Kurzfilmprojekte, die wir zu verschiedenen vorgegebenen Themen drehen müssen.
D-Movie: Regie, Drehbuch, Kamera, Schauspiel – Du hast Dich für Ersteres beworben, richtig? Stand das für Dich auf Anhieb fest, oder wie hast Du Deine persönlichen Stärken entdeckt?
Madry: Das stand für mich tatsächlich auf Anhieb fest. Mich interessieren zwar sehr viele andere Bereiche und ich mache in meinen Filmen meistens den Großteil der Jobs alleine (Schnitt, Visuelle Effekte, Drehbuch, Kamera), aber ich fühle mich in der Rolle des Regisseurs am wohlsten. Ich bin davon überzeugt, dass ich Leuten meine Ideen gut vermitteln, sie für mein Projekt begeistern kann und dabei stark auftrete. Das hilft mir sehr beim Regie führen. Beim Schauspielern jedoch überhaupt nicht ;-). Das lasse ich deshalb auch sein.
D-Movie: Hast Du Vorbilder, die Dich beim Filmemachen inspirieren?
Madry: Also, so etwas, wie Vorbilder gibt es bei mir nicht. Letzten Endes zählt meiner Ansicht nach auch nicht die Person, sondern das Werk. Zu dem wohl stärksten filmischen Einfluss, wenn es um den künstlerischen Aspekt des Films geht, zählen bei mir die Filme von Stanley Kubrick. Damit meine ich alle seine Filme, die ich mir jedes Mal auf's Neue anschauen kann. In letzter Zeit sagen mir viele Mitschüler und Lehrer, ich sei sehr beeinflußt durch Tarantinos Filme. Das stimmt auch zum Teil. Tarantinos frühe Filmwerke gehören ebenfalls zu meinen Lieblingen. Aus welchem Grund ich diese Filme mag? Sie sind schlichtweg klasse und es macht Spass sie zu schauen. Ganz einfach ;)
D-Movie: Wie wichtig ist für Dich die Filmmusik? Deinen Filmen - beispielsweise "Rivalis" - nach zu urteilen hast Du so etwas wie einen „Stamm-Komponisten“ - wie viel Einfluss hat er auf Deine Werke?
Madry: Fünfzig Prozent des Erfolges gehören der Filmmusik. Alle erfolgreichen Filme haben einen bekannten, eingängigen Soundtrack. In meinen eigenen Filmen ist mir die Musik sehr, sehr wichtig. Mit Máté Manczinger habe ich für meine Projekte einen Komponisten gefunden, der nicht nur gute Musik macht, sondern auch einen eigenen Stil hat. Dies gibt unseren Filmen einen besonderen Touch, etwas eigenes. Zu dem verstehe ich mich mit Máté perfekt. Der eine weiß, was der andere denkt. Und so ist die Zusammenarbeit sehr routiniert und läuft ohne Komplikationen ab. Natürlich gebe ich, bevor sich Máté an die Arbeit macht, vorher eine Richtung vor und sage auch, wenn mir etwas nicht gefällt. Das ist aber eher selten der Fall. Ich kann von sehr großem Glück sprechen, dass ich mit einem solch begabten Künstler ein Team bilden darf.
D-Movie: Und zu guter Letzt - gibt es ein Wunschprojekt, das Du im Laufe Deiner Karriere unbedingt in Angriff nehmen möchtest?
Madry: Oh, oh. Das war die falsche Frage. Ich habe mal einen Zettel geschrieben, auf dem ich alle Ideen für einen Film fest hielt. Ich kam auf rund 60 Filmprojekte. Es ist natürlich unmöglich, das alles zu realisieren. Ein bestimmtes Genre oder Thema, welches sich wiederholte, gab es auf dem Zettel auch nicht. Mich interessiert viel mehr die bunte Mischung aus allem. Mal das, mal das und wenn man denkt, man kann mich einschätzen und in eine Schublade stecken, dann mache ich wieder was vollkommen anderes. Früher dachte ich, mir würde der Bereich Fantasy und Science-Fiction am besten liegen. Zum Teil ist dies immer noch der Fall, aber das Interesse für andere Themen und Genres wird mit der Zeit zunehmend größer. Ich denke, es wäre langweilig immer das gleiche zu machen. Ausprobieren von neuen Dingen ist die Devise. Dafür ist das Leben und Filmemachen da ;-). In naher Zukunft werde ich ebenfalls bei meiner bunten Mischung bleiben. Bald plane ich ein sehr lebensnahes Projekt zu verfilmen. Was danach kommt? Mal schauen. Vielleicht ist dann ja wieder Zeit für Fantasy!
(das Interview wurde geführt von David J. Lensing, September 2009)
