Beim Filmfestival "Werkstatt der Jungen Filmszene" 2010 in Wiesbaden fand am Pfingstsamstag ein Filmblock im Kino "Caligari" statt. Dort wurden sozusagen die Festival-Perlen gezeigt - unter anderem der kurze Animationsfilm "DERJUNG", dessen Macher sich über Umwege für den Bereich Film entschied: Valentin Gagarin, Baujahr 1988, begann schon im Alter von 14 Jahren ein Musikstudium im Fach Violine. Zeitgleich machte er erste Gehversuchen mit digitalen Videoaufnahmen, ein Hobby, das ihn 2009 zu einer Bewerbung an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg animierte - wo er auch prompt genommen wurde und seit Oktober vergangenen Jahres im Schwerpunkt Film studiert. Wir haben das 21-jährige Allround-Talent direkt mal einem kleinen Verhör unterzogen ...
Kurzer Steckbrief
Name: Valentin Gagarin
Geburtsdatum: 31.12.1988
Wohnhaft: Hamburg
Website: www.fricklerhandwerk.de
Filmografie:
"Attack of the Clowns" (2004)
"Ü-31" (2006)
"PPC" (2007)
"DERJUNG" (2008)
"ausknopf" (2010)
- INTERVIEW -
D-Movie: In Wiesbaden lief dein Film "DERJUNG", dem eine turbulente Entstehungsgeschichte zugrunde liegt - erzähl doch mal ein paar Details.
Gagarin: "DERJUNG" war insofern eine interessante Erfahrung, als dass wir in kürzester Zeit ein zufriedenstellendes Ergebnis erzielen wollten, ohne eine nennenswerte Ahnung von Animationsfilm zu haben. Mein Freund Robert kam auf mich zu mit der Information, es seien noch 10 Tage bis zur Einsendefrist beim regionalen Videowettbewerb "abgedreht" in Hamburg. Dort sind wir die Jahre davor gewesen und hatten auch Preise gewonnen - das galt es also aufrecht zu erhalten. Es kam zwar etwas plötzlich, aber wir waren beim Stichwort "Cartoon" auf der gleichen Wellenlänge und nahmen die selbstgestellte Herausforderung an. Wir holten uns noch Shujun und Tanja dazu und es folgten einige 12- bis 14-stündige Arbeitstage mit zahlreichen - teils gescheiterten - Experimenten, technischen Hürden und viel stumpfer Frickelei. Knapp eine Woche später waren wir mit der stummen Bilderfolge fertig und auf einmal mit der Erstellung einer Audiospur konfrontiert, über die wir uns bisher kaum Gedanken gemacht hatten. Die Sprecher für die wenigen Worte waren in der Familie schnell gefunden, bei den restlichen Geräuschen und der Musik hatten wir viel Glück. Einerseits durch etliche Internetsoundarchive, andererseits durch die Kooperation mit unserem ehemaligen Gymnasium, in dessen Musikraum wir einen halben Tag mit akustischen Spielereien verbrachten, aus denen letztlich eine Art Musiktrack entstand. Am Tag der Abgabe bei der Post ist dann gerade noch die Titeleinblendung fertig geworden.
D-Movie: Der Film ist keine drei Minuten lang und denkbar subtil umgesetzt. Gab's darüber Diskussionen oder ward ihr euch direkt einig?
Gagarin: Die Kürze und Einfachheit kam einfach vom Zeitmangel. Wir improvisierten binnen weniger Stunden aus gerade vorhandenen Eindrücken und spontanen Einfällen die zugegeben sehr sparsame Handlung und ein Storyboard und begannen dann zu zeichnen. Über unseren Köpfen hing ja permanent die tickende Uhr. Auch wenn das zu dem Zeitpunkt nicht wirklich bewusst im Spiel war, hängt die Komplexität von filmischer Erzählung meines Erachtens an vielen Faktoren - unter anderem geplante Laufzeit, machbarer Produktionsaufwand und nicht zuletzt, was die Geschichte als solche erfordert. Zweiteres ist gerade beim Animationsfilm ein ausschlaggebender Aspekt, da jede zusätzliche Einstellung Stunden, Tage oder Wochen Arbeit bedeutet. Ökonomie hingegen ist zwangsläufig oberstes Gebot. Es macht ja keinen Sinn, mit Überflüssigem zu langweilen. Der Anspruch an das Publikum ist dann eigentlich meistens, die verwendeten Zeichen - hat man sie halbwegs sinnvoll eingesetzt - richtig zu lesen, was natürlich nicht immer funktioniert.
D-Movie: Du hast uns verraten, dass du dich nicht auf Animationsfilme festlegen willst. Was käme dabei herum, wenn man dir eine Kamera in die Hand drückt und echte Schauspieler vor die Nase stellt?
Gagarin: Mit Kamera und Schauspielern habe ich schon einige Praxiserfahrungen und versuche diese auch auszubauen. Aktuell arbeite ich an unterschiedlichen Konzepten, wobei mir mittelfristig ein kurzer Spielfilm vorschwebt. Das wäre dann im Idealfall eine völlig absurde Kömodie oder Science-Fiction, weil beide Genres viel Platz zum Austoben bieten und auch ordentliche technische Herausforderungen stellen. Bis dahin kann aber noch einiges an Zeit vergehen.
D-Movie: Was reizt dich überhaupt am Medium Film?
Gagarin: Das Medium Film ist deshalb so interessant, weil es so viele Ausdrucksformen, Kommunikationsebenen und handwerkliche Bereiche in sich vereinigt. Sich mit den vielen verschiedenen Dingen auseinander zu setzen macht mir Spaß - es gibt noch viel zu entdecken. Und wenn das Ergebnis mal gut genug ist, kann man damit sogar ab und zu Leute beeindrucken.
D-Movie: Wie lässt du dich denn zu deinen Filmen inspirieren?
Gagarin: Die Ideen kommen so aus dem Leben daher und es gibt auch genug davon. Die Schwierigkeit für mich ist, sie sinnvoll filmisch zu verarbeiten. Seit Beginn meines Studiums habe ich diesbezüglich viel gelernt und eine Menge Filme gesehen - ich hoffe, dass das demnächst auch Früchte trägt. Denn seltsamerweise bin ich bisher kaum zum Schreiben gekommen, was ich jetzt erstmal gepflegt nachholen muss.
D-Movie: Du bist ein großer Fan von Helge Schneider und Mel Brooks. In "DERJUNG" ist davon zwar keine Spur, aber du bist daran interessiert, durchaus mal ne Komödie zu inszenieren. Findest du es schwer, Leute zum Lachen zu bringen, bzw. ist es schwer, dich zum Lachen zu bringen?
Gagarin: Mein Interesse am Film liegt seit je her zum überwiegenden Teil beim Technischen. Und wenn man schon was aufnimmt, ist es eben praktisch, lustige Inhalte zu verarbeiten, weil das den Dreh wesentlich unterhaltsamer macht. Ich habe wirklich oft gehört, Leute zum Lachen zu bringen sei extrem schwer. Das habe ich nie so als Problem gesehen, solange man sich mit seinem Publikum ungefähr im gleichen humoristischen Raum bewegt. Ich selbst kann über unheimlich viele Sachen lachen. Aber man lacht ja nicht nur über Lustiges, sondern auch über Überraschendes, Faszinierendes, über Dinge, die einem einleuchten. Letztlich geht es doch darum, einen Effekt zu erzielen - ob durch Bilder, Musik, Geschichten oder eben Humor. Meines Erachtens nach ist die Frage nach der Wirksamkeit dieser Effekte davon abhängig, wie man die entsprechende Sensorik beim Rezipienten anspricht. Dafür gibt es für jede Ausdrucksform bestimmte Methoden und Tricks, die man im besten Fall kennen, definitiv aber gut anwenden muss. So kann man den Laien mit dieser Magie und den Fachmann mit der geschickten Anwendung beeindrucken.
Ein für mich ideales Konzept einer Komödie liegt irgendwo zwischen den Eckpfeilern Mel Brooks, Monty Python und Helge Schneider. Eigenständige Geschichten, starke, absurde, komische Figuren, extremer Wortwitz und gezielte Dekonstruktion jeglicher Gewohnheit und Logik - das zeichnet in meinen Augen die Genialität dieser Leute aus. Das müsste man erstmal hinkommen.
(das Interview wurde geführt von David J. Lensing, Juni 2010)
