Hier halten wir euch über die Postproduktion unseres aktuellen Films "Jakobs Weg" auf dem Laufenden.
Außerdem informieren über alles, was wir in Sachen Amateurfilm in Bocholt und NRW noch so starten.

Die Künstler-Kolonie
24.05.2010

Erstens sind's keine siebzehn Autoren sondern über den Daumen gepeilt 140 junge Filmschaffende, die sich auch nicht über drei Monate, sondern über die Pfingsttage und vor allem nicht in einem verlassenen Kino ohne fließend Wasser und Nahrung, sondern im beschaulichen Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden-Naurod verbarrikadiert haben. Und während die durchgeknallten Hobby-Autoren in Palahniuks abartig genialem Roman ihre Meisterwerke noch schaffen müssen, werden sie bei der Werkstatt der Jungen Filmszene schon gesichtet: 72 Filme an der Zahl, von denen ich persönlich 64 Beiträge gesehen habe. Jetzt, am Montag, da alles vorbei ist, fühle ich mich vor allem gerädert und habe höchsten Respekt vor der Jury, die sich binnen einer Woche über 250 Einsendungen reingezogen und eine wirklich bunte, begeisternde, repräsentative Auswahl für die vier Festival-Tage getroffen hat. Aber worüber rede ich eigentlich? Hier ein kleiner Rückblick für alle, die das Wochenende nicht in Wiesbaden verbracht haben:
Als ziemlicher Festival-Newbie war ich zum ersten Mal dabei. Im Nachhinein schäme ich mich regelrecht, dass ich noch nie von der "Werkstatt", die mit ihrer 45-jährigen Tradition immerhin einen festen Bestandteil der hiesigen Jugendfilmkultur darstellt, gehört habe. Das Prinzip ist einfach: Über knapp vier Tage leben zahlreiche Teilnehmer zusammen, um gemeinsam ihre Filme zu sichten und zu diskutieren sowie Workshops zu besuchen, in denen sie ihre Fertigkeiten im Bereich Bild, Ton oder Licht vertiefen können. Mangels Wettbewerbcharakter ist man hier als Amateurfilmer nicht unter Konkurrenten, sondern vor allem unter Gleichgesinnten - Kontakte knüpfen leicht gemacht, weil man sich schlichtweg nicht aus'm Weg gehen kann und die gezeigten Beiträge ohne so viel Diskussionsstoff liefern, dass man jedes Mal froh ist, die Macher der Kurz-, Trash-, oder Experimentalfilme, der Musikvideos und Dokumentation direkt mit Fragen löchern zu können. Unser "Schlagbohrer" lief bereits im zweiten Filmblock am Freitagabend. Da galt es für Marc Schießer und mich, dem (sympathisch-gechillten) Moderator Maxim gegenüber zu treten und sich der Reaktion des Publikums zu stellen. Wie das bei mir so ist - freie Rede vor mehr als zwei Leuten erzeugt Herzrasen, weiche Knie und geistige Blackouts - konnte ich mich erst danach richtig zurücklehnen und erwartungsvoll dem Programm folgen. Was besagte Publikumsreaktion anbelangt: wenige Fragen sprechen für wenig Begeisterung, würde ich mal ganz nüchtern auf'n Punkt bringen. Immerhin: Wertvolles Feedback gab's dann später - und zwar bei einem gemütlichen Bierchen in der Kellerbar. Dort scharten sich die Teilnehmer bis spät in die Nacht und die Theke. Mission: Beschnuppern und kennen lernen. Hauptthema des Abends war ein Film, der den ersten Filmblock abschloss - besser: krönte - und somit gleich am ersten Abend Maßstäbe setzte, die zwar (das muss man mal sagen) einfach in einer anderen Liga spielen. Nichtsdestotrotz war wohl jeder Zuschauer nachhaltig beeindruckt von diesem Vertreter des vermeintlich drögen Genres Dokumentation. Die Rede ist von Justin Peachs "Kleine Wölfe", der den Alltag von Straßenkindern in Katmandu so nah und präzise portraitiert hat, wie man's selten sieht. Kein Wunder - der Regisseur hat mit seinem Team über drei Monate lang mit den Kids auf der Straße gelebt und konnte somit auch nach der Filmvorführung noch zahlreiche Anekdoten raushauen, die in der Kellerbar ein dankbares Publikum fanden. Doch dazu gibt's in Kürze mehr!

Vielleicht noch ne dumme Geschichte am Rande: Nach ein paar Bierchen, vielen Antworten und interessanten Gesprächen entschied ich mich irgendwann, mal mein Zimmer aufzusuchen (das teilte ich mir übrigens mit Marc, der schon vorgegangen war). Ich also losgelatscht auf die Suche nach Zimmer Nummer 6.05, das ich nach ner Viertelstunde - obwohl das Haus nicht riesig war, fühlte ich mich wie ne Kaulquappe im Ozean, hilflos und verloren - dank klarer Numerierung auch fand. Dass mein Schlüssel nicht passen wollte, schrieb ich besagten Bierchen zu und freute mich einfach, dass Marc offenbar nicht abgeschlossen hatte. Ich latsch also ins Zimmer, pfeffere die Jacke auf mein Bett und geh erstmal - ohne das Licht im Zimmer anzumachen - ins Bad und auf Klo. Vor'm Spiegel merk ich, dass ich meine Zahnbürste noch nicht ausgepackt habe. Also wieder raus ins Zimmer, um in der Dunkelheit die Tasche zu suchen. Wie man das so macht, beim Topfschlagen: Durch die Gegend kriechen und alles abtasten. Doch da wo meine Tasche sein sollte, war sie nicht. Stattdessen eine andere. Und überhaupt viel Zeug, das ich nicht zuordnen konnte. Zu dem Zeitpunkt hatten sich meine Augen endlich an die Dunkelheit gewöhnt und siehe da: In Marcs Bett lag nicht Marc, sondern zwei Fremde, die ich jetzt problemlos zu Tode hätte erschrecken können. Stattdessen verfiel ich in Panik und suchte meine verdammte Jacke, die ich doch irgendwie hingeschleudert hatte. Wie sieht'n das aus, wenn die jetzt aufwachen und ich wühl mich im Dunkeln durch deren Sachen? Mit der prima Ausrede: Ich such nur meine Jacke. Reichlich uncool. Man stelle sich mal vor, ich hätte auf's Zähneputzen verzichtet und mich einfach ins freie Bett gelegt ... zum Glück fand ich die Jacke und konnte unbemerkt verschwinden, um draußen herauszufinden, dass es auf jeder Etage das Zimmer 6.05 gibt und ich eigentlich unter diesen fremden Leuten wohne. Als ich dort ankam, hab ich erstmal abgeschlossen und das auch in keiner darauffolgenden Nacht vernachlässigt.
Aber wie auch immer, zurück zum Thema, denn am Samstag ging's mit den Filmen nahtlos weiter. Während tagsüber die Aula des Wilhelm-Kempf-Hauses als Sichtungsraum diente, wurden einige Highlights am Abend im wunderschönen Kino "Caligari" am Marktplatz in Wiesbaden gezeigt. Zum Beispiel Olga Petrovas animierte Adaption der Memoiren ihrer Ur-Großmutter, der Film "Marivanna", der schon beim Festival in StadtHafen Rostock auf beste Resonanz stieß. Aber auch Filme wie der an David Lynch erinnernde Kurzfilm "Kopf", der sich mit Edward Hoppers "Nighthawks" auseinandersetzt, oder Valentin Gagarins auf den Punkt gebrachter Animationsfilm "Derjung" setzten klare Zeichen dafür, dass der Talentnachwuchs der deutschen Filmszene gesichert ist. Der Sonntag wurde mit einem Workshop eröffnet und ein paar echten Festivalperlen beendet: "Betty B. and The The's" und "Try a little Tenderness" waren schlichtweg der Hammer (um nur zwei zu nennen!). Nach dem regulären Filmblock folgte die Open-Screen-Night, in der die Filmemacher ihre selbst mitgebrachten Werke zeigen durften. Neben durchaus ernst zu nehmenden und beeindruckenden Filmen gab's hier als Kontrastprogramm "Mister Fister in Happy Afternoon" zu sehen. Ein Knet-Figuren-Drama (mit "Matt Damon"), das echt zum Heulen war. Denn ohne Pepe ist alles scheiße. In diesem Sinne: Ein gelungenes Festival!

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